Leseprobe: Die zweite Verwandlung

Leseprobe:

„Die zweite Verwandlung – Eine fantastische Begegnung mit Franz Kafka“

Als Gregoria Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, sieht sie an der Wand gegenüber ein ungeheures Ungeziefer. Sie schließt die Augen und öffnet sie erneut, wie man dies tut, wenn man nicht glaubt, was man sieht.
Das ungeheure Ungeziefer ist weg. Erleichtert lässt sich Gregoria zurück in die Kissen sinken. Eine Halluzination – jener merkwürdige Zustand zwischen Schlafen und Wachen und umgekehrt. Da passieren die verrücktesten Dinge.
Gerade als Gregoria wieder in die Welt der Träume zurückzukehren beginnt, wird sie durch ein lautes Geräusch erschreckt. Aufrecht im Bett sitzend, schaut sie sich nach allen Seiten um.
‚Das kommt von oben, vom Dachboden. Hört sich an, als sei ein schwerer Gegenstand umgefallen. Aber das kann nicht sein, da oben ist keiner. Vielleicht haben wir jetzt Gespenster im Haus‘, denkt sie und muss lachen.
‚Frank vielleicht?‘
Sie schaut nach links. Nein, Frank liegt neben ihr im Bett und schnarcht leise.
‚Möglicherweise war es nur in meinem Kopf, eine kleine Explosion, irgend so etwas Chemisches halt. Oder heißt das Implosion?‘
Noch im Grübeln über den richtigen Begriff hört sie es wieder, wenn auch entfernter. Eindeutig, es kommt von oben.
Nachschauen.
Gregoria springt aus dem Bett, schleicht in den Flur und geht die schmale Stiege zum Dachboden hinauf. Ein sattes Knarren auf der dritten Stufe. Sie hält den Atem an. Pssst. ‚Frank hat das Brett immer noch nicht ausgetauscht.‘
In der Mansarde wieder ein Geräusch.
‚Jetzt flieht das Gespenst …‘
Das dämmrige Licht in der Mansarde macht Gregoria nicht mutiger.
‚Der Geruch hier ist eigenartig, ein wenig muffig.‘ Aber da ist noch etwas anderes.
Gregoria schnuppert, aber nichts Vergleichbares fällt ihr ein.
„Jemand hier“, ruft sie, obwohl sie weiß oder zumindest hofft, dass sie keine Antwort erhalten wird. Sie steht ganz still unweit der Tür und hört – nichts.
‚Blödsinn. Wer soll auch hier sein?‘
Gregoria öffnet das kleine Fenster und schaut über die scheinbar noch schlafende Stadt.
Schließlich inspiziert sie die Mansarde. Auf den ersten Blick sieht alles so aus wie immer. Natürlich – die Unordnung, ein wenig Chaos. Totales Chaos, sagt Frank. Aber der versteht nicht viel von schöpferischer Unordnung. Die Staffelei steht an ihrem Platz, das unfertige Bild darauf, an dem sie seit Wochen malt und nicht weiter kommt. An dem irgendetwas fehlt, sie weiß nicht was. Farbe, Pinsel, das Glas mit dem Terpentin – alles da, wo es auch gestern Abend war. Die drei Bücher neben dem alten Ohrensessel, aufgeschlagen nebeneinander liegend, mit dem Bleistift in jenem, in dem sie zuletzt gelesen hatte.
Gregoria lässt sich in den Sessel fallen, nimmt sich ein Buch und will gerade zu lesen beginnen, als ihr Blick auf das Bild über dem Schreibtisch fällt.
Erschrocken springt sie auf und geht langsam, nun wieder vorsichtig um sich blickend, hinüber. Das Bild hängt schief. Gestern Abend hatte es noch gerade gehangen. Das weiß sie ganz genau, denn sie hatte es lange angeschaut, bevor sie zu Frank hinunter gegangen war.
Das Bild zeigt einen Mann, der auf den Betrachter zuzukommen scheint. Gregoria hatte es vor ein paar Jahren gemalt. Bekleidet ist der Mann mit einem dunklen Anzug. Auf dem Kopf eine Melone. Ein so lustiger Hut, den es heute gar nicht mehr gibt. Auf den Lippen ein Lächeln, schüchtern sieht er aus. Von der rechten Seite, mehr im unteren Bereich, fällt Licht auf ihn, so dass seine linke Seite sich fast vollständig im Schatten befindet.
Der Mann auf dem Bild ist Franz Kafka. Die rechte obere Bildecke hängt nach oben, so dass der Blick des Dichters geradewegs durch die geschlossene Dachluke in den Himmel zu gehen scheint.
‚Merkwürdig‘ – denkt Gregoria. ‚Normalerweise geht der Blick eines abgebildeten Menschen immer auf den Betrachter, egal, wo dieser steht.‘
‚Wirklich merkwürdig.‘
Gregoria geht um den Schreibtisch herum, schiebt den Stuhl weg und schaut unter den Tisch, als könne sich dort jemand verstecken.
‚Lächerlich. Das ist völlig verr… Was ist das?‘ Auf dem Schreibtisch liegt ein Buch. Aufgeschlagen. Gregoria dreht es ein wenig herum. Auf der linken Seite, fast ganz unten, sind zwei Zeilen dick unterstrichen:
Jetzt wird er sich vorbeugen, dachte Georg, wenn er fiele und zerschmetterte.
Gregoria kennt diese Stelle, sie hat die Geschichte, zu der die Worte gehören, mehrfach gelesen. Und so muss sie nicht auf den Einband schauen, tut es dennoch: „Franz Kafka Das Urteil“.
Es ist Gregorias Buch, aber sie hat die Zeilen nicht unterstrichen. Nicht diese. Auch hat sie das Buch nicht auf den Schreibtisch gelegt. Sie spürt, wie sich die kleinen Härchen auf ihren Unterarmen aufrecht stellen und der berühmte Schauer huscht über ihren Rücken.
‚Das ist doch nicht möglich! Ob Frank …?‘

***

Aus einer Rezension:

„Gerade für junge Leser, die Kafkas Biographie nicht kennen, ist Kafka ein schwer verständlicher Autor. Seine Werke sind ohne Hintergrundwissen über sein Leben nicht leicht zu lesen.
Dies ist sehr schade, denn Kafka ist wohl einer der großartigsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Durch diese kurze Geschichte werden sicher viele Leser Zugang zu seinen Werken finden, werden neugierig gemacht.
Dass dies auch noch in der Form einer kurzen, anspruchsvollen und sehr lebendigen Geschichte geschieht, hat mir ein besonderes Lesevergnügen bereitet.
Der Leser wird bemerken, dass die Autorin sich mit der Heldin identifiziert. Letztlich schreibt sie nieder, um was Kafka die Heldin bittet.“